Für Jochen Kapp aus Düren ist der digitale Einkauf mehr als Komfort. Innerhalb weniger Sekunden nimmt er die Lieferung an der Haustür entgegen, der Einkauf ist erledigt. Für ihn und seine Frau ist der Bringservice eine große Erleichterung. Beide sind körperlich eingeschränkt, besitzen kein Auto und bestellen vor allem schwere Produkte wie Getränke online. Der Supermarkt kommt zu ihnen, nicht umgekehrt.
Sortiment wie im klassischen Markt
Online-Supermärkte setzen längst nicht mehr nur auf ein eingeschränktes Angebot. In den Auslieferungslagern werden mehrere tausend Produkte kommissioniert – von frischem Obst und Gemüse über Tiefkühlwaren bis hin zu Drogerieartikeln, Schreibwaren und Dekoration. Die Kundschaft ist breit gefächert. Familien schätzen die Zeitersparnis, ältere Menschen und Personen mit eingeschränkter Mobilität gewinnen ein Stück Selbstständigkeit zurück.
Starkes Wachstum von niedrigem Niveau
Der Onlinehandel mit Lebensmitteln wächst dynamisch. 2025 legte das Bestellvolumen um mehr als zehn Prozent zu und damit mehr als doppelt so stark wie der gesamte Onlinehandel. Gleichzeitig bleibt der Marktanteil noch überschaubar. Während Elektronik oder Mode längst fest im Netz etabliert sind, liegt der Onlineanteil bei Lebensmitteln weiterhin bei nur wenigen Prozent.
Das erklärt das hohe Wachstumstempo. Die Branche startet von einem niedrigen Ausgangsniveau und holt Schritt für Schritt auf. Lebensmittel gelten damit als letzte große Kategorie, die der stationäre Handel bisher weitgehend verteidigen konnte.
Die letzte Bastion des stationären Handels
Deutschland verfügt über ein besonders dichtes und leistungsfähiges Netz an Supermärkten. Das macht es neuen Anbietern schwer, Kunden dauerhaft vom klassischen Einkauf abzuziehen. Dennoch gerät auch diese Bastion ins Wanken. Verbände und Marktforscher sehen den Onlinehandel auf dem Weg, sich auch im Lebensmittelbereich dauerhaft zu etablieren.
Frühere Versuche scheiterten oft an hohen Kosten und mangelnder Ausdauer. Neue Anbieter treten jedoch mit deutlich mehr Kapital und langfristigen Strategien an. 2025 überschritt der Nettoumsatz im Online-Lebensmittelhandel erstmals klar die Marke von sechs Milliarden Euro.
Marktführer und neue Wettbewerber
Im Wettbewerb um die Marktführerschaft dominieren derzeit etablierte Handelsketten und spezialisierte Online-Anbieter. Während klassische Supermärkte verstärkt auf Click-and-Collect-Modelle setzen, gewinnen reine Lieferdienste bei der Zustellung bis an die Wohnungstür an Boden. Einige Anbieter verzeichneten zuletzt Wachstumsraten von mehr als 30 Prozent und beliefern inzwischen Millionen Kunden in Hunderten Städten.
Neben ihnen drängen weitere Lieferdienste in den Markt, die sich auf schnelle Zustellung, Getränke oder ein besonders frisches Sortiment konzentrieren.
Stadt-Land-Gefälle bleibt
Der digitale Lebensmitteleinkauf ist regional ungleich verteilt. In Großstädten ist das Angebot dichter, Lieferzeiten sind kürzer und die Auswahl größer. In ländlichen Regionen fehlt häufig noch die notwendige Infrastruktur. Die Bereitschaft zum Onlinekauf hängt daher weniger vom Alter oder Einkommen ab, sondern stark vom verfügbaren Angebot vor Ort.
Mindestbestellwerte, Liefergebühren und Zeitfenster variieren je nach Anbieter. Teilweise ist die Lieferung ab bestimmten Warenkörben kostenlos, in anderen Fällen fallen Gebühren an. Leergut und Tragetaschen werden bei der nächsten Lieferung wieder mitgenommen.
Preise kaum höher als im Laden
Ein zentrales Argument gegen den Onlinekauf – höhere Preise – verliert an Gewicht. Vergleichstests zeigen, dass identische Warenkörbe online und im stationären Supermarkt nahezu gleich viel kosten. Unterschiede bewegen sich oft im Cent-Bereich. Zusätzliche Kosten entstehen vor allem durch Liefergebühren, die je nach Bestellwert anfallen.
Alltagstauglich und auf dem Vormarsch
Der Online-Supermarkt ist kein Experiment mehr, sondern eine wachsende Ergänzung zum klassischen Einkauf. Für Menschen mit wenig Zeit, eingeschränkter Mobilität oder ohne Auto bietet er einen echten Mehrwert. Gleichzeitig bleibt der stationäre Handel stark – noch.
Ob der digitale Einkauf langfristig den Gang in den Supermarkt ersetzt oder ergänzt, wird sich zeigen. Fest steht: Der Wocheneinkauf per Klick ist gekommen, um zu bleiben.
