Warum noch mit menschlichen Freunden sprechen, wenn ich jederzeit und überall mit der künstlichen Intelligenz (KI) chatten kann – und sie genauso antwortet, wie ich es mir wünsche. So denken anscheinend viele unter 30-Jährige und auch 30 Prozent der KI-Nutzer aller Altersgruppen. „Unsere sozialen Fähigkeiten verarmen, wenn wir der KI gegenüber menschlichen Gesprächen den Vortritt geben. KI fördert klare, fertige Antworten statt offener Gesprächsprozesse und verändert damit bereits das Kommunikationsverhalten“, sagt Patrizia Thamm, Referentin der Gesundheitsförderung bei der Pronova BKK sowie Trainerin für Resilienz und Achtsamkeit. „In der Auseinandersetzung mit anderen Menschen erleben wir Reibungen, abweichende Perspektiven, Kritik und Unsicherheit. Genau daran wachsen wir. Wenn Menschen diese Erfahrungen zu stark an KI auslagern, trainieren sie wichtige Fähigkeiten wie Frustrationstoleranz, Konfliktfähigkeit und die Fähigkeit zur Selbstreflexion weniger. Hinzu kommt: KI ist darauf ausgelegt, eher bestätigend als konfrontativ zu antworten. Doch Widerspruch brauchen wir, weil er uns vor einem verzerrten Selbstbild schützt.“
Deutsche nutzen KI zunehmend im privaten Alltag
Die Anwendung von KI-Tools hat längst die Mitte der Gesellschaft erreicht und alle Altersgruppen durchdrungen. 75 Prozent verwenden KI bereits für persönliche Zwecke wie etwa für Ratschläge zu Ernährung, Sport oder Finanzen. Sogar in der Generation 60plus nutzt sie mehr als jede*r Zweite privat, um schnell Informationen zu recherchieren, Aufgaben zu lösen oder Ratschläge etwa zu Ernährung und Finanzen zu erhalten.
Die digital Natives sehen in der KI allerdings mehr als ein Recherchetool: 64 Prozent der unter 30-Jährigen halten es für völlig normal, dass Menschen sich mit KI-Chatbots über persönliche Dinge unterhalten. „Die Jüngeren sind mit digitalen Systemen aufgewachsen und vertrauen ihren Ergebnissen tendenziell mehr. Dazu kommt ein starkes Bedürfnis nach Orientierung in dieser Lebensphase, weil sie viele Entscheidungen zum ersten Mal treffen. KI kann hier helfen“, erklärt Wirtschaftspsychologin Thamm.
Rund drei Viertel der Nutzer vertrauen KI-Tipps fast blind
Der Ratschlag einer KI kann hilfreich sein, aber auch schlicht falsch. Denn die Technologie ist fehleranfällig: Etwa jede*r zweite junge KI-Nutzer*in ist bereits auf Fake News oder Halluzinationen der KI reingefallen. Trotzdem bleibt das Vertrauen gerade der Generation Z groß. 82 Prozent der unter 30-jährigen KI-Nutzer überprüfen die Antworten von ChatGPT und Co. nur selten oder nie. Rund drei Viertel haben einem Chatbot bereits persönliche Informationen gegeben – zu Alter, Geschlecht und mehr. Und das, obwohl 67 Prozent der jungen KI-Nutzer große Sorge haben, dass die Informationen aus Gesprächen mit KI-Chatbots in falsche Hände gelangen.
„Bei der KI kann ich schnell nachfragen und bekomme hilfreiche Antworten, sie kann auch Entscheidungsprozesse mit begleiten. Doch der goldene Weg ist die Balance zwischen dem Einsatz von KI und der eigenen Intuition – eine hybride Entscheidungskompetenz“, sagt Thamm.
Mit KI gegen die Einsamkeit
Entscheidungen lassen sich oft leichter treffen nach einem reflektierenden Gespräch mit vertrauten Personen wie Freunden oder Partnern. Doch viele Menschen sind einsam. 70 Prozent der unter 30-Jährigen sind er Meinung, dass die KI für einsame Menschen ein wertvoller Gesprächspartner sein kann. Von den Menschen ab 60 Jahren sagen das nur 46 Prozent. „Für Einsame kann KI eine niedrigschwellige Gesprächsinstanz sein und kurzfristig das Gefühl sozialer Leere reduzieren. Doch sie kann auch die Einsamkeit verschlimmern, wenn eine Person nur noch diesen Kontakt sucht – sie bleibt ein System ohne eigenes Empfinden und ersetzt keine realen Beziehungen“, erklärt Wirtschaftspsychologin Thamm. „KI sollte nicht als primäre Quelle für emotionale Nähe oder soziale Bestätigung dienen. Wir sollten sie reflektiert für Inspiration, Austausch und Orientierung nutzen, ohne dabei zwischenmenschliche Nähe aus dem Blick zu verlieren.“
Über die Studie
Für die repräsentative Studie „KI-Nutzung im privaten Alltag 2026“ der Pronova BKK wurden 3.485 Frauen und Männer ab 18 Jahren im März 2026 online befragt. Darunter befinden sich 2.005 Personen mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren im Haushalt. Die Befragung gibt einen Einblick, inwieweit KI Einzug in den privaten Alltag der Bevölkerung genommen hat. Besondere Schwerpunkte setzt die Befragung auf die private Nutzung von KI für partnerschaftliche, erzieherische und gesundheitliche Belange.
